Lohnt sich Vollzeit? Transferentzugsrate und Grenzbelastung in Deutschland 2026
Warum zwei Vollzeitstellen nicht immer doppelt so viel bringen
Viele Familien erleben ein Paradox: Obwohl beide Partner Vollzeit arbeiten, bleibt unter dem Strich kaum mehr übrig als bei reduzierter Arbeitszeit. Der Grund liegt in der sogenannten Transferentzugsrate – dem Zusammenspiel aus progressiver Einkommensteuer, Sozialversicherungsbeiträgen und dem gleichzeitigen Wegfall von Sozialleistungen. Steigt das Bruttoeinkommen, sinken Wohngeld, Bürgergeld und Kinderzuschlag oft in ähnlicher Höhe – die effektive Grenzbelastung kann so über 80 % erreichen.
Dieser Rechner macht das Zusammenspiel sichtbar: Er vergleicht sechs Arbeitszeitmodelle – von Vollzeit + Vollzeit bis 50 % + 50 % – und berechnet für jede Variante das tatsächlich verfügbare Haushaltseinkommen inklusive aller Transfers.
Welche Sozialleistungen werden berücksichtigt?
Die Berechnung umfasst die drei wichtigsten einkommensabhängigen Leistungen für Familien: Kindergeld (255 € pro Kind, einkommensunabhängig), den Kinderzuschlag (bis 292 € pro Kind, einkommensabhängig) und Wohngeld. Liegt das Einkommen so niedrig, dass auch diese Leistungen nicht ausreichen, greift ergänzend das Bürgergeld als Aufstockung. Wichtig: Kinderzuschlag und Bürgergeld schließen sich gegenseitig aus – es wird immer die günstigere Variante angezeigt.
Der effektive Stundenlohn (Gesamteinkommen geteilt durch Arbeitsstunden) zeigt, wie viel jede Arbeitsstunde dem Haushalt tatsächlich einbringt. In manchen Konstellationen ist dieser Wert bei 50 % Teilzeit höher als bei Vollzeit – ein deutliches Zeichen für eine zu hohe Transferentzugsrate.
Politischer Hintergrund und Einordnung
Die hohe Grenzbelastung im unteren und mittleren Einkommensbereich ist ein seit Jahrzehnten diskutiertes Problem in der deutschen Sozialpolitik. Wissenschaftler sprechen von der „Teilzeitfalle“: Das System bestraft faktisch den Übergang von Teilzeit zu Vollzeit, weil die zusätzlichen Brutto-Euros durch Steuer, Sozialabgaben und den Verlust von Transfers fast vollständig aufgefressen werden. Besonders betroffen sind Familien mit Kindern und mittleren Einkommen zwischen 2.000 und 4.000 € Haushaltsbrutto.
Dieser Rechner ist kein Aufruf, weniger zu arbeiten. Er ist ein Transparenz-Werkzeug, das zeigt, wie das Zusammenspiel von Steuern und Transfers wirkt. Die Entscheidung über die Arbeitszeit hängt von vielen Faktoren ab – Rentenansprüche, Karriereentwicklung, persönliche Zufriedenheit. Aber wer diese Entscheidung trifft, sollte die finanziellen Fakten kennen.
Vereinfachungen und Grenzen der Berechnung
Die Simulation vereinfacht bewusst: Das Alter aller Kinder wird pauschal mit 8 Jahren angesetzt, die Mietenstufe mit III, und die Kaltmiete wird als 70 % der Warmmiete geschätzt. Vermögen, Sonderzahlungen, Sachbezüge und regionale Besonderheiten werden nicht berücksichtigt. Für eine verbindliche Auskunft wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Sozialamt, Jobcenter oder einen Steuerberater. Mit dem Brutto-Netto-Rechner können Sie die Nettolöhne der einzelnen Szenarien zusätzlich im Detail prüfen.